zum Artikel: Datendarsteller – Pionierwerkzeuge zur Welterschließung
Auf Anfrage der Universität Siegen konnte ich dafür sorgen das ein DeepaMehta 2.0b8 Screenshot in dem Artikel von Peter Matussek abgebildet ist, über die Erwähnung haben wir uns hier natürlich gefreut, genau wie über die Inhalte. Wissen gestalten statt verwalten, ist eine zentrale Botschaft, doch was soll das eigentlich heißen ? Folgende Extrakte habe ich nun endlich mal für euch zusammenfassen können.
Eine Leitmetapher war bis vor rund zwei Jahrzenten das aus der Computertechnik entlehnte Modell von Speoicherung und Wiedergewinnung, Storage und Retrieval. Als das elektronische Arbeitsgerät in den Alltag von Wissenschaftlern einzudringen begann, veränderte es nicht nur ihre Untersuchungsverfahren, sondern prägte auch ihre Weltblider. Das menschliche Gedächtnis etwa wurde von Kognitionspsychologen und Neurophysiologen, schließlich auch von Kulturwissenschaften ganz im Sinne der Speichermetapher beschrieben: als Behältnis in das wir Objekte (Gedanken, Erlebnisse, Überlieferungen) einlagern und auf Abruf unverändert wieder herausholen. Wie wir heute wissen – und früher auch schon wussten -, ist dieses Gedächtnismodell grundfalsch. Erinnerungen sind keine Repräsentanzen, die wir dem Gehirn oder der Tradition wie Computerdaten entnehmen, sondern Performanzen, buchstäblich Re-Konstruktion synaptischer Prozesse, deren Assoziationsverläufe je nach aktueller psychischer Verfassung variieren, vergleichbar mit einem Theaterstück, das immer wieder neu inszeniert wird. Diese Einsicht konnte sich erst im Zuge eines Metaphernwandels durchsetzen: vom Speicher zur Schaubühne. Interessanterweise hat diese performative Wende auf die Computersphäre selbst zurückgewirkt.
Der Computer hat die Eigentümlichkeit Inhalte simulieren zu können, die Dinge unterschiedlich darzustellen und genau dadurch gibt er dem Wort “in-Formation” seine büchstäbliche Bedeutung zurück. Doch hat die sog. performative Wende uns auch noch keine Metapher auf den Bildschirm gebracht die es geschafft hätte den klassischen “Desktop” abzulösen. Bahnhbrechend war diese Metapher. Sie zog Schubladensysteme, was man heute oft als Gliederungsfunktion im Textwerkzeug wiederfindet, genauso wie Karteikartenmetaphern und die Anordnung in Stapeln von Zetteln in unseren Bildschirm hinein.
Mitte der 90′er war die Metapher des Fliegens durch Datengalaxien für manche Software-Entwickler Gestaltungsgrundlage, genauso wie auch Landkarten eingesetzt wurden um Informationen abzubilden. Dazu fand Prof. Matussek ein ganz gutes Experiment welches die Problematik des “Computers als Landvermesser” ganz gut veranschaulicht.
Obwohl es zweifellos sehr aufschlussreich sein kann, wenn wir die Beziehungen zwischen Begriffen oder Dokumenten als räumliche Relation angezeigt bekommen, trauen wir der Sache nicht so ganz, wenn der Landvermesser ein Computerprogramm ist. Das Mißtrauen ist berechtigt. Denn um solche “semantischen Netze” knüpfen zu können, müssen Computer Sprache verstehen. Und das ist eine unterschöpfliche Aufgabe, da sich Bedeutungen mit jeder Sprechsituation verschieben. Unter dem Stichwort Web 3.0 wird es dennoch versucht, gelingt bisher allenfalls in sehr überschaubaren, klar definierten Begriffsclustern. Ein schon vor zehn Jahren allzu kühn gestarteter Versuch der Suchmaschine Yahoo, Ergebnisse normaler Internetanfragen zu kartographieren, wurde ob der Lächerlichkeit der Darbietungen bald wieder eingestellt.
Laut Prof. Mattusek, “ist es gerade die Metapher der Theaterbühne die geradezu idealtypisch jene doppelte Forderung nach wechselnden Szenarien einerseits und konstantem Orientierungsrahmen andererseits, bedient”. Diese Erkenntnis wirkt umso einleuchtender wenn man “die Geschichte des Gedächtnistheaters betrachtet und herausfindet wie sie schon einmal angetreten ist um ein zur Konvention erstarrtes Modell der Wissensdarstellung zu überwinden und das ist ein halbes Jahrtausend her”¹.
Auch ich versuche mir die einzelnen Punkte einer Präsentation in meinem imaginären Luxus-Loft unterzubringen um somit während der Rede, janz selbstbewußt, mal eben den Gedankengang von meinem Whirlpool aus der 3.Etage zum Basketball-Court in den Keller wiederzugeben. Nach einigen katastrophalen Vorträgen allerdings ist eine Erkenntnis hängen geblieben, es hilft das beste Gedächtnistheater auf der Bühne nichts, wenn man sich nicht vorher fragt für wen die Präsentation eigentlich nützlich sein soll. Bevor ich nun aber dieses ganz andere Feld aufschlagen möchte, will ich versuchen noch bei der Technik zu bleiben.
Wenn es um Datendarsteller geht stopfe ich die Werkzeuge immer noch in zwei unterschiedliche Schubladen. Eine Art von Datendarsteller erlaubt es dem Anwender durch ein unglaubliches Repertoire an Konfigurationsoptionen und Mappings genau das in der Datenmenge zu finden, was der Benutzer entdecken will. Ein anderer Datendarsteller erlaubt dem Anwender in der unglaublichen Menge an Daten das Konsumieren und Verarbeiten von Informationen sowie gerade neu entdeckte Bestände vielschichtig darzustellen und durch intendentiertes Positionieren bzw. das in neue Beziehung setzen evtl. spontan neue Muster zu entdecken. Die nahezu direkte und beliebig ins Detail nachvollziehbare Kommunikationskette vom Zustandekommen dieser Inhalte an der Bildschirmoberfläche würde sich, sozusagen für eine relativ kühle, wenn nicht personalisierte Kommunikation zu einer dritten Person oder sogar der Öffentlichkeit, prädestinieren. Soweit mein Schubladendenken gänzlich unmetaphorisch ausformuliert.
Jetzt geht`s erstmal ab zur TU, wir wollen ab Heute dort den FR 0512A einnehmen und diesen dann jeden Dienstag in den nächsten 12 Wochen facherübergreifend bespielen. Ich weiß, die Berichterstattung an dieser Stelle war in letzter Zeit alles andere als performant, mal sehen ob`s mir jetzt wieder mehr Spaß macht.
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¹ Guilio Camillo und sein von der damaligen Zeit astrologisch, und spirituell geprägtes Gedächtnistheater, 15.Jahrhundert..
Unsere Große Anstrengung, schrieb Camillo, “ist es [..] eine Ordnung [..] zu finden, die den Geist aufmerksam erhält und das Gedächtnis erschüttert.”